Gartenwissen - Vermehrung
Saatgut und Vermehrung: aussäen, vorziehen und selbst gewinnen
Von Oli Meyer
Saatgut ist die günstigste Position im Garten und die mit dem größten Hebel. Eine Sorte, die zum Standort passt, liefert ohne weiteres Zutun mehr als eine unpassende mit voller Pflege. Und eigene Vermehrung verschiebt die Sortenwahl über die Jahre in Richtung Standort, weil ausgelesen wird, was hier tatsächlich funktioniert hat.
Keimung hat drei Bedingungen
Temperatur, Feuchte und Saattiefe. Alle drei sind artspezifisch und keine ist verhandelbar.
Bei der Temperatur liegt der häufigste Fehler in der Ungeduld: Bohnen und Kürbis brauchen warmen Boden und faulen im kalten. Umgekehrt keimen Spinat und Feldsalat bei Sommerwärme schlecht.
Die Saattiefe folgt einer Faustregel, die überraschend gut trägt: etwa doppelte Korndicke. Feines Saatgut wie Möhre oder Salat kommt damit fast an die Oberfläche, und Lichtkeimer werden gar nicht abgedeckt, sondern nur angedrückt.
Die Feuchte muss durchgehend sein. Eine einzige Trockenphase nach dem Aufquellen beendet die Keimung, und danach hilft kein Nachgießen mehr.
Vorziehen: Licht ist der Engpass
Auf der Fensterbank scheitert Anzucht selten an der Wärme und fast immer am Licht. Pflanzen, die warm und dunkel stehen, vergeilen: sie werden lang, dünn und kippen um. Ein kühlerer, heller Standort liefert kürzere, kräftigere Pflanzen.
Daraus folgt eine praktische Regel: nicht zu früh anfangen. Wer im Februar Tomaten sät, pflegt zwei Monate lang Pflanzen, die ohne Zusatzlicht schwächer werden statt stärker.
Pikiert wird, sobald die ersten echten Blätter erscheinen. Das kostet einen Arbeitsgang und liefert ein Wurzelwerk, das den Umzug ins Beet verträgt.
Selbstbestäuber sind der Einstieg
Wer eigenes Saatgut gewinnen will, beginnt bei Tomate, Bohne, Erbse und Salat. Diese Arten bestäuben sich innerhalb der eigenen Blüte, kreuzen selten mit Nachbarsorten und brauchen keine räumliche Trennung. Es genügt, gesunde Pflanzen stehen zu lassen und die Frucht voll ausreifen zu lassen, deutlich über die Genussreife hinaus.
Fremdbestäuber sind eine andere Aufgabe. Kürbis, Kohl, Möhre und Rote Bete kreuzen über weite Strecken, und ohne Isolierung entsteht eine Mischung, die im nächsten Jahr nicht mehr die Sorte ist. Im Hausgarten ist das nur mit Abdeckung oder Abstand zu Nachbargärten machbar.
Aufbereiten und lagern
Nassaufbereitung bei Tomate und Gurke, Trockenaufbereitung bei Bohne, Salat und Kohl. In beiden Fällen entscheidet die Trocknung: Saatgut, das nicht vollständig durchtrocknet, ist im Frühjahr verschimmelt oder tot.
Getrocknet wird luftig und schattig bei Raumtemperatur, nie im Backofen und nicht in der Sonne. Gelagert wird kühl, dunkel und in Papier, nicht luftdicht in Plastik, wo Restfeuchte nicht entweichen kann.
Beschriftet wird beim Abfüllen, nicht später. Art, Sorte und Jahr, denn die Haltbarkeit lässt sich ohne Jahr nicht einschätzen und der Keimtest im März ist zeitlich knapp.
Was Auslese über Jahre bewirkt
Wer aus dem eigenen Bestand nachbaut, wählt jedes Jahr aus, was am Standort gesund blieb und zum richtigen Zeitpunkt reif war. Nach einigen Jahren steht dort eine Population, die mit diesem Boden, dieser Lage und diesem Klima zurechtkommt.
Das ist kein schneller Effekt und keine Sortenzüchtung. Es ist die Erklärung dafür, warum nachgebautes Saatgut aus derselben Sorte am eigenen Standort oft besser läuft als frisch gekauftes.
Die Kapitel unten führen beides aus: die Anzucht von Jungpflanzen ohne Vergeilen, und die Gewinnung von samenfestem Saatgut Schritt für Schritt.
Beiträge in diesem Kapitel
- 1
Jungpflanzen vorziehen: kräftig statt vergeilt
Anzucht auf der Fensterbank: Licht als Engpass, Aussaattermin, Substrat, Pikieren und Abhärten vor dem Auspflanzen.
- 2
Samenfestes Saatgut gewinnen: Auslese und Lagerung
Eigenes Saatgut gewinnen: samenfeste Sorten erkennen, Selbst- und Fremdbestäuber unterscheiden, auslesen, aufbereiten und lagern.
Häufige Fragen
Was bedeutet samenfest?
Eine Sorte, deren Nachkommen der Elternpflanze gleichen, sodass eigenes Saatgut wieder dieselbe Sorte ergibt. Hybridsaatgut, meist als F1 gekennzeichnet, spaltet in der nächsten Generation auf: die Nachkommen sind uneinheitlich und meist schwächer.
Bei welchen Arten ist eigene Saatgutgewinnung einfach?
Bei Selbstbestäubern: Tomate, Bohne, Erbse, Salat. Sie bestäuben sich in der eigenen Blüte, kreuzen selten aus und brauchen keine Isolierabstände. Kürbisgewächse, Kohl und Möhren sind Fremdbestäuber und deutlich anspruchsvoller.
Wie lange ist Saatgut haltbar?
Je nach Art zwischen einem und mehreren Jahren. Kurz haltbar sind Zwiebel, Lauch, Petersillie und Pastinake, lang haltbar Tomate, Bohne und Kohl. Kühl, dunkel und trocken gelagert verdoppelt sich die nutzbare Zeit gegenüber einer warmen Schublade.
Warum keimt Saatgut nicht?
Meist an drei Ursachen: zu kalt für die Art, zu tief gesät, oder zwischenzeitlich ausgetrocknet. Ausgetrocknetes Saatgut nach dem Aufquellen ist verloren. Bei Lichtkeimern ist auch das Abdecken selbst der Fehler.
Muss Saatgut vorgekeimt oder vorbehandelt werden?
Bei den meisten Gemüsearten nicht. Sinnvoll ist es bei hartschaligen Arten und bei Kaltkeimern, die eine Frostphase brauchen. Ein Einweichen über Nacht beschleunigt Erbsen und Bohnen, ist aber kein Muss.
Wie wird bei eigener Vermehrung ausgelesen?
An mehreren Pflanzen und nach mehreren Merkmalen, nicht an der schönsten Frucht. Wer nur die größte Tomate nimmt, verengt die genetische Basis. Ausgewählt werden Pflanzen, die gesund blieben, zum richtigen Zeitpunkt reiften und dem Sortenbild entsprechen.