Obst & Beeren - Schnitt
Obstbaum schneiden: der Schnitt an Krone und Leitästen über die Standjahre
Von Oli Meyer
Wer einen Obstbaum schneiden will, sollte zuerst wissen, was der Schnitt bewirkt, denn jeder Schnitt ist ein Eingriff in ein Gleichgewicht und nicht eine Pflegemaßnahme mit Wohlfühlcharakter. Die Grundregel klingt banal und erklärt fast alle Fehler: starker Rückschnitt erzeugt starkes Wachstum, schwacher Rückschnitt erzeugt Blüte.
Daraus folgt, dass es nicht einen Schnitt gibt, sondern mehrere Aufgaben mit unterschiedlichem Ziel: Aufbau beim jungen Baum, Lichtführung beim tragenden, Verjüngung beim vernachlässigten.
Obstbaum schneiden: was der Schnitt bewirkt
Ein Baum verteilt seine Reserven auf die vorhandenen Knospen. Werden Knospen entfernt, erhält jede verbleibende mehr, und die Reaktion ist Längenwachstum. Ein Baum, der jeden Winter stark eingekürzt wird, wächst deshalb jedes Jahr stärker und trägt weniger.
Umgekehrt bringt ein flach gestellter Trieb Blüten: die Saftbewegung verlangsamt sich und die Knospen legen Blüten an statt Triebe. Das ist der Grund, warum Binden und Herunterbinden im Obstbau eine Schnittmaßnahme ersetzen kann.
Die Krone aufbauen: die ersten Jahre
Beim Pflanzschnitt werden drei bis vier gut verteilte Leitäste ausgewählt und der Mitteltrieb bleibt führend. Alles, was mit diesen Ästen konkurriert, wird entfernt. Die Leitäste stehen flach genug, um tragfähig zu sein, und der Mitteltrieb bleibt der höchste Punkt.
In den Folgejahren geht es darum, diese Struktur zu halten. Der Schnitt der Krone besteht jetzt vor allem im Entfernen von Konkurrenztrieben und steil nach oben wachsenden Ruten im Inneren, nicht im Einkürzen der Leitäste.
Der häufigste Aufbaufehler ist zu große Nachsicht: zwei gleich starke Mitteltriebe bilden später eine Zwiegabel, die bei Fruchtlast aufreißt.
Erhaltungsschnitt am tragenden Baum
Beim tragenden Baum ist Licht die Zielgröße. Früchte färben und reifen dort, wo Sonne hinkommt, und Pilzkrankheiten entstehen dort, wo Laub nach Regen nicht abtrocknet.
Der Schnitt der Krone besteht deshalb aus drei Handgriffen: nach innen wachsende Triebe weg, sich reibende Äste auflösen, und zu dichte Bereiche auslichten. Eingekürzt wird kaum, ausgelichtet viel.
Dazu kommt die Erneuerung des Fruchtholzes. Altes, überbautes Fruchtholz mit kleinen Früchten wird auf einen jüngeren Seitentrieb abgeleitet, statt eingekürzt.
Wasserreiser und was sie bedeuten
Steile, unverzweigte Ruten im Kroneninneren sind die Antwort auf einen zu starken Eingriff oder auf Überdüngung. Sie tragen nicht und beschatten.
Entfernt werden sie am besten im Sommer, wo sie sich noch reißen lassen, und nicht im Winter, weil der Winterschnitt die Neubildung anregt. Wer sie jeden Februar herausschneidet und im nächsten Februar dieselbe Arbeit hat, schneidet zum falschen Zeitpunkt.
Verjüngung über Jahre
Ein Obstbaum, der zehn Jahre nicht geschnitten wurde, wird nicht in einem Winter zurückgeholt. Sinnvoll ist eine Verteilung über drei bis vier Jahre mit jeweils etwa einem Viertel des zu entnehmenden Holzes.
Die Reihenfolge ist dabei fest: Totholz zuerst, dann sich reibende und kreuzende Äste, dann nach innen wachsende, dann die Höhenbegrenzung durch Ableiten auf flach stehende Seitenäste. Kappen der Leitäste auf Stummel ist der Eingriff, der die meisten alten Bäume ruiniert.
Schnittführung im Detail
Geschnitten wird am Astring, also unmittelbar am Ansatzwulst, ohne diesen zu verletzen und ohne Stummel stehen zu lassen. Der Astring enthält das Gewebe, mit dem der Baum die Wunde überwallt.
Bei schweren Ästen wird in drei Schnitten gearbeitet, damit die Rinde nicht ausreißt: erst ein Entlastungsschnitt von unten, dann der Trennschnitt weiter außen, dann der saubere Endschnitt am Astring.
Wer einen Obstbaum schneiden lässt, sollte an dieser Stelle hinsehen: Stummel und aufgerissene Rinde sind das eindeutigste Zeichen für unsauberes Arbeiten, unabhängig davon, wie aufgeräumt die Krone anschließend aussieht.
Häufige Fragen
Wann ist der richtige Zeitpunkt?
Der Hauptschnitt liegt im Spätwinter bei frostfreiem Wetter, etwa Februar bis Anfang März. Ein Sommertermin nach dem Johannistrieb bremst zu starkes Wachstum. Steinobst wie Kirsche und Pflaume wird bevorzugt im Sommer nach der Ernte geschnitten, weil Wunden dann besser verschließen.
Wie erkennt man einen zu starken Rückschnitt?
Am Jahr danach: der Baum treibt lange, steile, unverzweigte Ruten, sogenanntes Wasserreiser, und trägt weniger. Starker Rückschnitt erzeugt starkes Wachstum, was bei jungen Bäumen erwünscht ist und bei tragenden meist nicht.
Was ist der Unterschied zwischen Winter- und Sommerschnitt?
Der Winterschnitt fördert Wachstum, weil die Reserven auf weniger Knospen verteilt werden. Der Sommerschnitt bremst, weil belaubte Masse und damit Assimilationsfläche entfernt wird. Beide sind Werkzeuge für gegensätzliche Ziele.
Müssen Schnittwunden verschlossen werden?
Bei kleinen Schnitten nein, der Baum verschließt selbst. Wichtiger als jedes Mittel ist ein sauberer, glatter Schnitt am Astring ohne Stummel und ohne Verletzung der Rinde darunter. Große Wunden über Handbreite sollten möglichst vermieden werden.
Was tun mit einem lange nicht geschnittenen Baum?
Über mehrere Jahre verjüngen, nicht in einem Winter. Pro Jahr etwa ein Viertel des Altholzes entnehmen, zuerst Totholz, dann nach innen wachsende und sich reibende Äste. Ein radikaler Einzeleingriff führt zu massivem Wasserreiserwuchs.
Wie viele Leitäste soll ein Baum haben?
Drei bis vier, gleichmäßig um die Mitte verteilt, mit einem Höhenversatz und einem flachen Abgangswinkel. Steil stehende Leitäste konkurrieren mit dem Mitteltrieb, flach stehende tragen früher.
Welches Werkzeug ist nötig?
Eine scharfe Handschere, eine Astschere und eine feine Baumsäge. Scharfes Werkzeug ist kein Komfort: gequetschte Schnittflächen verschließen schlecht und sind Eintrittsstelle für Pilze. Bei Verdacht auf Krankheiten wird zwischen den Bäumen desinfiziert.