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Fall des Monats Juni 2010

Hustenwellen in der Mast
Jens Jungbloot, Praxis Dr. Reinhold Heggemann für tierärztliche Bestandsbetreuung und Qualitätssicherung im Erzeugerbetrieb Schwein, 25782 Tellingstedt 

Der Bestand
Der vorzustellende Betrieb ist ein Mastbetrieb mit insgesamt 2400 Plätzen, wobei sich diese auf zwei Gebäude mit moderner Kammaufstallung verteilen. Die Bestückung erfolgt abteilweise im Rein-Raus-Verfahren. Der Betrieb hat eine gute Alleinlage außerhalb des Dorfes und der Zukauf erfolgt seit mehreren Jahren immer vom gleichen Ferkelerzeuger. Liefer- und Mastbetrieb sind PRRS-frei. 

Die Ferkel erhalten am 14. Lebenstag zwei Impfungen gegen Enzootische Pneumonie (Mycoplasmen) und Circovirose. Seit Einführung dieser Impfungen gab es in dem Mastbetrieb über einen längeren Zeitraum keine nennenswerten Probleme.


Der Fall
Im letzten Halbjahr traten allerdings bei älteren Tieren im letzten Drittel der Mast immer wieder Hustenwellen auf. Diese führten zwar zu einer Reduktion der Futteraufnahme; schwere Lungenentzündungen oder auch Todesfälle kamen allerdings nicht vor. Eine Behandlung der jeweiligen Gruppe von 5-7 Tagen mit einem Antibiotikum  führte in aller Regel zu einem komplikationslosen Abklingen des Hustens. 
Nach dem Absetzen der Behandlung kam es aber öfter zu einem Rückfall. Die täglichen Zunahmen gingen um etwa fünfzig Gramm zurück und vor allem stieg der Anteil veränderter Lungen bei den Schlachtauswertungen. Insgesamt waren die wiederkehrenden Hustenschübe unbefriedigend, und so wurde weitere Diagnostik durchgeführt.


Diagnostik 
1. Schlachthofcheck: 
Ein an 198 Tieren durchgeführter Schlachthofcheck ergab folgende Befunde:

Bei einem Viertel aller Lungen fanden sich Veränderungen an den Spitzenlappen. Bei jeder 10. Lunge waren mehr als 10% des Lungengewebes betroffen. Viele Lungen befanden sich im frühen Ausheilungsstadium oder im Stadium einer akuten Spitzenlappenpneumonie mit flächig ausgebreiteten Schäden. 

Das Brustfell jeder zehnten Lunge war meist großflächig entzündet und mit der Brustwand verklebt. Oft war der Herzbeutel mit betroffen.

Links: Lunge / Herz mit verwachsenem Herzbeutel




Rechts: Lunge mit eitrigem Abszess





Bei zwei Lungen fanden sich im Gewebe der Hauptlappen jeweils ein großer hämorrhagischer (blutiger) Entzündungsherd. Eine weitere Lunge war im Bereich der Hauptlappen von großen Abszessen durchsetzt.


Links: Lunge mit Spitzenlappenpneumonie




Rechts: APP - Lunge mit hämorrhagischen Abszessen





An den Lebern gab es keine nennenswerte Schäden. 

Bis hierher zeigte der Schlachtcheck das Bild einer akut im Bestand ablaufenden Lungenerkrankung, welche sich bis zum Zeitpunkt der Schlachtung hinzieht. Häufigste Ursache für eine sogenannte Enzootische Pneumonie ist eine Infektion mit Mycoplasma hyopneumoniae. Allerdings können auch andere Sekundärkeime an einem solchen Geschehen beteiligt sein. Es galt also unter anderem abzuklären, ob die Impfung gegen Mycoplasma hyopneumoniae möglicherweise nicht ausreichend bis zum Mastende schützte.

Zusätzlich fanden sich bei ca.10% der Tiere Brustfellentzündungen und Herzbeutelschäden, wie sie typischerweise bei der Glässerschen Krankheit auftreten können. Blutige, abgegrenzte Abszesse können typisch bei einer APP-Erkrankung sein. Um die verschiedenen Möglichkeiten gegeneinander abzugrenzen waren weitere Untersuchungen notwendig.

Von den auffälligen Lungenarealen wurden von 6 Tieren Gewebeproben entnommen und einer weiteren, allgemeinen kulturellen mikrobiologischen Untersuchung auf Atemwegserreger unterzogen.

2. Ergebnisse Laborbefunde:

Direkter Erregernachweis mittels PCR-Methode

Tier
PRRS
EU
PRRS US
PCV 2
Influenza
Mycopl.
hyopn.
Mycopl.
hyorhinis
1
-
-
-
-
-
-
2
-
-
-
-
+
-
3
-
-
-
-
+
-
4
-
-
-
-
-
-
5
-
-
-
-
-
-
6
-
-
+
-
-
-

Die mikrobiologische Untersuchung ergab in drei Lungen einen hochgradiger Gehalt an Pasteurella multocida und in einer Lunge einen mittelgradigen Gehalt an Pasteurella multocida.

Eine von den 6 Lungenproben ergab eine Infektion mit Streptococcus suis und aus einer Lunge konnten keinerlei pathogenene Keime nachgewiesen werden.


Bewertung der Diagnostikergebnisse:

Der Streptokokkenbefund aus nur einer Lunge (mit den Abszessen) muß als Nebenbefund gewertet werden. Auch der zweimalige Nachweis von Mycoplasma hyopneumoniae kann nicht als Ursache des Problems angesehen werden. Die Impfung gegen Enzootische Pneumonie bedeutet nicht Erregerfreiheit, sondern nur Schutz vor Erkrankung. Die Überprüfung der Ferkelimpfung gegen Mycoplasmen ergab außerdem keinerlei Hinweis auf eine fehlerhafte Impfung. 

Der massive Gehalt an Pasteurella multocida mit einer Nachweisrate aus 4 Lungen von 6 deutet allerdings daraufhin, dass dieser Erreger als Ursache für die wiederkehrenden Hustenwellen verantwortlich ist.


Weitere Vorgehensweise und Verlauf
Da das Krankheitsgeschehen relativ spät auftrat, war zu vermuten, dass die Infektion mit Pasteurella multocida erst beim Mäster erfolgte. Dies wurde zur Sicherheit durch 20 Nasentupfer von frisch eingestallten Läufern überprüft. Sie waren alle frei von Pasteurellen.

Dadurch war es möglich einen Impfschutz noch zu Beginn der Mast aufzubauen. Dazu ist eine zweimalige Impfung im Abstand von vier Wochen nötig. 
Genutzt wurde ein handelsüblicher Kombiimpfstoff gegen Pasteurella multocida / Bordetella bronchiseptica.

Die geimpften Tiere erkrankten nicht mehr an Husten und hatten wieder höhere Zunahmen.

Diskussion
Pasteurella multocida ist ein Bakterium, welches bei vielen Tierarten vorkommt und häufig zu Atemwegserkrankungen führt. Auch der Mensch kann sich infizieren (Zoonose), zeigt aber in der Regel milde Krankheitsverläufe.

Der Erreger war häufig als Sekundärerreger zusammen mit Mycoplasmen bei der Enzootischen Pneumonie zu finden. Seit der erfolgreichen, flächendeckenden Mycoplasmenimpfung findet man Pasteurella multocida auch als alleinige Ursache für Bronchopneumonien, teilweise auch im Zusammenspiel mit Bordetella bronchiseptica.

Von Pasteurella multocida gibt es verschiedene Serotypen. Der veterinärmedizinisch wichtigste Stamm für das Schwein ist der Typ D. Dieser Stamm bildet das sogenannte dermonekrotische Toxin, die Ursache für die Schnüffelkrankheit (Rhinitis atrophicans). Deshalb muss zwingend bei dem Nachweis von Pasteurella multocida der Toxinnachweis geführt werden. In Deutschland ist die Rhinitis atrophicans meldepflichtig.

Gegen Pasteurella multocida stehen eine Vielzahl an Antibiotika zur Verfügung (Resistogramm anfertigen). In der Praxis wurden oft Tetracycline genutzt. Dies wird in Zukunft wegen der Exporte nach Russland nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt möglich sein. Weiterhin bekommt man durch antibiotische Behandlungen den Erreger nicht eliminiert, so dass nach dem Absetzen der Behandlung neue Tiere erkranken oder sich eine Resistenzproblematik entwickeln kann.

In solchen Fällen ist die Impfung erfolgversprechend. In der Regel sollte die Impfung Anfang Flatdeck, unmittelbar nach dem Absetzen stattfinden. Bei späteren Impfterminen (wie in diesem Fall auch) muss der Infektionszeitpunkt abgeklärt werden, um einen Minimalzeitraum zwischen Impfzeitpunkt und Infektionszeitpunkt von mindestens 2 Wochen zu gewährleisten. Eine alleinige Muttertierschutzimpfung über die Sau vermittelt keinen ausreichenden Schutz bis zum Mastende. 

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