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Aktueller Fall Mai / Juni 2015

Streptokokken- neue Wege der Prophylaxe
Jens Jungbloot und Dr. Linus Eichhorn, Vet-Team-Schleswig-Holstein, 25782 Tellingstedt

Streptokokken- neue Wege der Prophylaxe

 
Der Betrieb
Wir stellen heute einen Ferkelerzeuger mit 600 Sauen vor.  Die Produktion lief über einen längeren Zeitraum, ohne nennenswerte Probleme, auf einem guten Niveau. Der Betrieb hatte auf der Suche nach einer neuen Genetik innerhalb von 18 Monaten bei drei verschiedenen Jungsauenproduzenten seine Jungsauen zugekauft. Danach kam es in dem Betrieb zu akuten bis perakuten Krankheitsverläufen. Es traten Saugferkeldurchfälle bei etwa 50% der Würfe auf. Als Ursache wurde eine Mischinfektion mit Escherichia (E.) coli, Clostridium (C.) perfringens und Rotavirus nachgewiesen. Durch das Kontakten der Sauenherde mit den Erregern konnte eine bessere Bestandsimmunität geschaffen und die Intensität der Durchfälle deutlich gesenkt werden. Die durchschnittlichen Absetzgewichte waren mit durchschnittlich 5,8 kg bei drei wöchiger Säugezeit jedoch nicht befriedigend.
 
Das Problem
Durch die geringen Absetzgewichte traten vor allem bei den kleineren Ferkeln während der Flatdeckphase Probleme auf. Die Partien wuchsen auseinander. Es trat immer wieder Durchfall und plötzliche Todesfälle auf. Etwa 5% der Ferkel verendeten. Mehrmals wurden frisch verendete Ferkel zur pathologischen Untersuchung  gebracht. Dabei konnten zwei Ursachen für die Todesfälle nachgewiesen werden, Darmentzündungen durch enteropathogene E. coli und Hirnhautentzündungen durch Streptococcus (Strept.) suis.
 
Vorgehensweise
Als Sofortmaßnahme wurden die betroffenen Ferkelpartien antibiotisch mit Amoxicillin und Colistin behandelt. Damit konnten die Verluste gesenkt werden. Als nächster Schritt mussten die Absetzgewichte der Ferkel gesteigert werden. Dazu war es notwendig die Sauenfütterung und die Zufütterung der Saugferkel zu überprüfen und zu optimieren. Durch die neue Genetik und die damit größeren Würfe, gab es überzählige Ferkel, welche mittels Ammen besser aufgezogen wurden. Diese Ferkel erhielten eine 4 wöchige Säugezeit.  Damit konnten die Absetzgewichte auf 6,3 kg im Schnitt gesteigert werden. Die Saugferkel erhielten einen hochwertigen Prestarter, welcher ihnen an der Sau 3 x täglich in Form eines warmen Breis angeboten wurde. Dieser wurde die ersten 10 Tage im Flatdeck (FD) weitergefüttert, die kleinsten Ferkel  bekamen ihn weiterhin auch als Brei angeboten. Nach 10 Tagen wurde der Prestarter über 5 Tage mit dem weiterführenden Futter verschnitten. Damit gehörten die Durchfälle der Vergangenheit an.
Trotzdem traten in der 5. bis 6. Lebenswoche (2. und 3. FD-Woche) weiterhin plötzliche Todesfälle auf.
 
 
Weiterer klinischer Verlauf
Der Krankheitsverlauf war wellenweise. Nicht jede Absetzgruppe war betroffen. Der Verlauf war oft perakut, das heißt die Ferkel verendeten rasch ohne dass der Landwirt vorher Symptome feststellen konnte. Vereinzelt gab es festliegende Ferkel mit dem Kopf in den Nacken gestreckt und Ruderbewegungen der Beine. Gelenkentzündungen waren die Ausnahme. Auf Grund der Betriebshistorie viel der Verdacht schnell auf Streptokokkenmeningitis (Hirnhautentzündung). Differentialdiagnostisch muss man bei den klinischen Symptomen auch an Teschenvirus (keine Ruderbewegungen), Oedemkrankheit, Kochsalzvergiftung (Wassermangel) und Aujetzkische Krankheit denken. Erkrankte Tiere wurden sofort mit Amoxicillin behandelt. Festliegende Tiere waren nicht mehr zu retten.
 
Untersuchung
Verendete Tiere wurden zur pathologischen Untersuchung gebracht. Bei diesen konnten eitrige Hirnhautentzündungen mit deutlichem Blutstau in den Hirnhäuten und eitrigen Belägen nachgewiesen werden. Die bakteriologische Untersuchung bestätigte den Verdacht. Es wurde Strept. suis in allen Tieren gefunden. Die Streptokokkenstämme wurden zur Typisierung an ein weiterführendes Labor gesandt.  Dabei konnten zwei Stämme isoliert werden:

  • Strept. suis, nicht typisierbar, sly, mrp

  • Strept. suis, Kapseltyp 2, sly, mrp

Bei der Differenzierung wurden Kapselgene und Gene für virulenzassoziierte Faktoren nachgewiesen. Dies sind Hinweise auf krankmachende Eigenschaften der Erreger. Beide nachgewiesene Streptokokkenstämme können mit Hirnhautentzündungen in Zusammenhang gebracht werden.
 
Weiteres Vorgehen
Ferkelpartien, bei denen die ersten klinischen Anzeichen auftraten, wurden über 5 Tage mit Amoxicillin oral behandelt. In der Regel war diese Behandlung ausreichend. In Einzelfällen trat eine zweite Welle der Erkrankung auf, so dass eine zweite Behandlung notwendig wurde. Parallel dazu wurde die Hygiene unter die Lupe genommen. Dazu gehören die Reinigung und Desinfektion der Stallabteile, die Versorgung der Saugferkel und das Absetzmanagement. Der Erfolg einer Reinigung und Desinfektion lässt sich durch Abklatschproben mikrobiell kontrollieren. Sauen wurden ab sofort vor dem Einstallen in die Abferkelung gewaschen. Ein häufiger Schwachpunkt ist der Umgang mit den Saugferkeln. Optimale Temperaturen sind Grundvoraussetzung für eine gesunde Ferkelaufzucht. Deshalb wurden die Ferkelnester optimiert. Da gerade Wunden Eintrittspforten für Streptokokken sein können, wurden die Nabelhygiene und die Kastration besonders kontrolliert. Um die Entwicklung der Ferkel zu verbessern, wurde die Eisenversorgung auf eine 2-malige Gabe am 1. und 3. Lebenstag umgestellt und mit dem Zähneschleifen schon am 1. Lebenstag begonnen. Hier haben wir die besten Erfahrungen gemacht, die Ferkel die ersten 12-24 Stunden nach Geburtsende in Ruhe Kolostrum aufnehmen zu lassen und dann mit der ersten Versorgung zu beginnen. Bei Impfungen und Kastration wurden die Nadeln oder das Skalpell zwischen den einzelnen Würfen gewechselt. Das Impfmanagement wurde so angepasst, dass zum Absetzzeitpunkt keine Impfungen durchgeführt wurden. Das Absetzen erfolgte nach dem strikten Rein-Raus-Prinzip. Vor dem Einstallen der Ferkel in das Flatdeck wurden die Ferkel mit einem Reinigungsschaum eingeschäumt. Außerdem wurden pro Bucht weniger Ferkel eingestallt, um die Besatzdichte zu senken. All diese Maßnahmen haben den Erregerdruck etwas gesenkt, konnten aber die Klinik nicht gänzlich verhindern. In der Regel traten die Wellen der Erkrankung später auf.
Deshalb beschlossen wir zusammen mit dem Landwirt einen bestandsspezifischen Impfstoff in Auftrag zu geben. Die isolierten Stämme wurden zu einem Hersteller für autogene Vakzine geschickt. Wir entschieden uns in der Anfangsphase sowohl die Sauen (6 und 3 Wochen vor dem Abferkeln) als auch die Ferkel (7. und 20. Lebenstag) zu impfen. Im ersten Monat nach Impfbeginn waren die Ergebnisse nicht befriedigend. Wir konnten den Landwirt in mehreren Gesprächen davon überzeugen, die Impfmassnahmen für mindestens 6 Monate weiter durchzuführen. Nach anfänglich geringem Erfolg, stellte sich nach etwa 3 Monaten eine deutliche Besserung der Situation ein. Es erkrankten nur noch Einzeltiere und die Verlustrate sank auf akzeptable 2%. Nach 6 Monaten wurde die Ferkelimpfung eingestellt, alle Sauen aber weiterhin 2 mal während jeder Trächtigkeit weiterhin mit dem bestandsspez. Impfstoff geimpft. Mittlerweile ist 1 Jahr seit Einführung des Impfstoffs vergangen und die Situation ist weiterhin stabil.
 
Diskussion
Streptococcus suis gehört zu den Erregern, welche die größten Probleme in der Schweinproduktion und besonders in der Ferkelaufzucht verursachen. In der letzten Zeit scheint der Erreger eine Renaissance zu erleben. Er ist an die Schleimhäute adaptiert, besonders Mundhöhle und Nasenraum und kann in den Tonsillen (Mandeln) überdauern. Alle offenen Wunden gelten als Eintrittspforten für den Erreger in den Körper. Deshalb sind die Nabelhygiene und die Impf- bzw. Kastrationshygiene so wichtig. Neben den gefürchteten Hirnhautentzündungen kann der Erreger auch Gelenkentzündungen, Herzklappenentzündungen und Blutvergiftungen hervorrufen.
Die Streptokokken lassen sich anhand von Kapselgenen und weiteren krankmachenden Genen unterscheiden. Es gibt auch unbekapselte Stämme. Heute kennt man über 30 verschiedene krankmachende Stämme, die allerdings eine unterschiedliche Virulenz (Grad der Aggressivität) aufweisen. Häufig sind in einem Bestand mehrere Stämme gleichzeitig zu finden.
Die Bekämpfung der Streptokokkenmeningitis beinhaltet immer mehrere Säulen. In der Regel muss man betroffene Ferkelgruppen sofort antibiotisch behandeln. Mittel der Wahl ist Amoxicillin. Der nächste Schritt ist die Kontrolle aller zootechnischen Maßnahmen, wie sie in unserem Fall beschrieben wurden. Ziel muss es sein, die Ausbreitung des Erregers und vor allem das Eindringen des Erregers in die Tiere zu verhindern. Eine wichtige Prophylaxe gegen Streptokokkeninfektionen ist die Impfung. Da es keinen handelsüblichen Impfstoff gibt, muss man auf einen stallspezifischen Impfstoff, auch als autogene Vakzine bezeichnet, zurückgreifen. Dabei handelt es sich um einen Impfstoff, der aus den krankmachenden Keimen, die im Betrieb isoliert werden, hergestellt wird. Damit erreicht man häufig eine hohe Spezifität und damit Erfolg im Betrieb durch die Impfung. Der entscheidende Punkt ist, die richtigen Stämme, also die krankmachenden Stämme zu finden und für den Impfstoff zu verwenden. Sekundäre Erreger, welche sich auf eine bestehende Infektion aufsatteln, können mit in den Impfstoff eingearbeitet werden, führen aber alleine nicht zum Erfolg. Mittlerweile können stallspezifische Impfstoffe mit 6 verschiedenen Erregern produziert werden. Im Fall der Streptokokkenbekämpfung gibt es unterschiedliche Erfahrungsberichte über den Einsatz von stallspezifischen Impfstoffen aus der Praxis. Der Erfolg einer Impfung scheint vom Kapseltyp abzuhängen. Sehr gut funktioniert sie bei Beständen mit dem Kapseltyp 1 und 2. Eine zusätzliche Ferkelimpfung kann in manchen Fällen gut funktionieren. Dies ist der Fall, wenn die Immunität der Sauen noch nicht aufgebaut ist und das Problem erst nach 1-2 Wochen im Flatdeck auftritt. Wenn die Sauen alle grundimmunisiert sind, muss man damit rechnen, dass die Antikörper der Sau im Kolostrum den zusätzlichen Erfolg einer Impfung der Saugferkel auf ein Minimum reduzieren.
Auch dieser Fall zeigt uns wieder, dass ein Einstieg in eine Impfung nach ausführlicher Diagnostik, eine deutliche Verbesserung und Stabilität für einen Bestand mit sich bringt. Es ist jedoch immer auch Geduld gefragt, da sich die Immunitätslage im Bestand nicht schlagartig sondern langsam verbessert. Dies wird dann sowohl vom Landwirt als auch vom Tierarzt nicht immer realisiert, da es ein „schleichender“ Prozess ist. Aus diesem Grund dokumentieren wir immer den „Ist“ Status vor Einführung einer Maßnahme und den „Ist“ Zustand zu einem von uns definiertem Zeitpunkt nach Einführung der Maßnahme. Hierzu werden alle auf dem Betrieb erfassten Daten mit einbezogen. So können wir anschließend mit dem Landwirt überprüfen ob sich der Impfstoffeinsatz auch aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten rechtfertigen lässt.
Streptokokken sind nach wie vor eine ernstzunehmende Gefahr für die Schweinebestände. Die Bekämpfung sollte konsequent erfolgen. Dazu ist die Zusammenarbeit mit dem Tierarzt unerlässlich. Eine einzelne Maßnahme führt kaum zum Erfolg. Es sollten immer mehrere Säulen der Bekämpfung berücksichtigt werden, in diesem Falle: Antibiose, Hygiene, Ferkelmanagement und Impfprophylaxe.
 
 

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